Die Wahl in Sachsen-Anhalt ist durch und die Ergebnisse, so wenig überraschend sie wohl letztlich sind, dürften dennoch viele geschockt haben. In MV haben wir noch zwei Wochen Wahlkampf vor uns und die Prognosen strahlen, Stand heute Anfang September, zu mindestens etwas Zuversicht aus. Heute soll es aber mal nicht um MV gehen, sondern ich möchte kurz über die Landesgrenzen hinausschauen. Denn vor einer Woche war ich als Begleitung von Hinterlandgang im Jugendclub Erebos in Spremberg (Brandenburg), auf dem Kosmos-Festival in Chemnitz (Sachsen) und im soziokulturellen Zentrum Zora in Halberstadt (Sachsen-Anhalt).
Leider fehlen mir größtenteils persönliche Drähte in die (ostdeutsche) Provinz abseits von Vorpommern oder die Zeit, um diese zu pflegen, was mich oft genug sehr ärgert. Die vielen ehrlichen Eindrücke, Gespräche und Orte waren deswegen umso bereichernder für mich, aber letztlich vor allem eins: herzzerreißend.
Auf dem Weg nach Spremberg zieht die A20 stetig vorbei, immer weiter Richtung Süden. Einmal um Berlin rum, wird der Stau immer dichter. Je weiter es Richtung brandenburgisch-sächsischer Grenze geht, desto häufiger herrscht auf der Autobahn Stillstand. Die Zeit wird gut genutzt, um Spremberg und Umland online zu recherchieren. Ein paar Seiten google-News und der Browser wird wieder geschlossen. Ein mulmiges Gefühl bleibt. Generell überwiegt für mich immer ein mulmiges Gefühl, wenn ich abseits der ausgetretenen Pfade im „Osten“ unterwegs bin. Kaum die Autobahn verlassen, strahlt am ersten Straßenschild ein großes Graffiti vom Dritten Weg – die Neonazi-Partei schlechthin. Vorbei geht es an schönen Wäldern, kleinen Feldern und engen Landstraßen. Dann taucht es auf: Ortsschild Spremberg – Landkreis Spree-Neiße. Meine Nase klebt an der Fensterscheibe des Autos, während ich erwartungsvoll jedes Haus, jede Seitenstraße scanne. Die Innenstadt? Irgendwie ok. Aber wonach suche ich eigentlich? Online habe ich vom Reliefblock „Lebensbaum“ gelesen, der vor der ehemaligen Grundschule steht. Meine Euphorie hält sich beim Vorbeifahren in Grenzen. Das mulmige Gefühl bleibt.
Eine kleine Schleife durchs Plattenbauviertel und abparken am Jugendclub Erebos, eine Baracke am Stadtrand. Drinnen: Zeitreise in die eigene Jugend. Alles sieht nach D.I.Y. aus, riecht nach vielen wilden Nächten und sieht so sehr nach Klischee-Jugendclub in Ostdeutschland aus, dass ich Angst habe, gleich startet das Polizeiruf-Intro. Das mulmige Gefühl?
Weg. Man merkt, dass alle hier mega Bock auf den Abend haben. Mein erstes Ziel des Abends liegt aber woanders.
Also steuere ich durch das anliegende Plattenbauviertel. Anstatt grauer Platte sehe ich aber vor allem grüne Sträucher und dicht aneinander gewachsene Kiefern. Wartet dahinter gleich der Ostseestrand? Fast noch besser: In den fernen Blick zwischen den Bäumen hindurch mischt sich eine imposante Rauchwolke. Das Kraftwerk Schwarze Pumpe. Vorbei an den Schrebergärten bleibe ich unter einem großen Strommast stehen. Nur noch das Maisfeld wiegt etwas im Wind hin und her. Die vielen leichten Regentropfen, die aufs Maisfeld treffen, hören sich an wie das Knistern eines alten Radios. Immer mal wieder tutet ein Zug auf dem Werksgelände. Ansonsten bleibt nur das konstante Brummen des Kraftwerks. Etwas surreal, etwas schön und irgendwie auch nicht.
Zurück am Jugendclub mustere ich routinemäßig die Umgebung und beobachte den Parkplatz kurz aus der Ferne. Ein Auto hält und drei Typen steigen aus. Kategorie: Schrankwand. „Hoffentlich gehören die zu uns“, hallt es durch meinen Kopf.
Kaum einen Gedanken hatte ich in meinem Leben häufiger als diesen. Die freundliche Begrüßung und die Positionierung
an der Tür verraten die Aufgabe der Neuankömmlinge für den heutigen Abend: Sicherheit.
Darüber habe ich mir seit der Ankunft keine Gedanken gemacht. Denn niemand hier wirkt angespannt. Im Gegenteil: Es herrscht gute Stimmung, gefühlt kennen sich hier auch alle. Eine Person fällt mittendrin aber dann doch raus: Keine Nietenweste, keine Dreadlocks, keine Tattoos, kein Bandshirt, kein rauer Ton, nicht mal ein grimmiger Blick. Sie grüßt alle,
gibt allen die Hand, erkundigt sich immer mal wieder kurz und dreht ihre Runden durch den Jugendclub. Christine Herntier, Bürgermeisterin von Spremberg. Im Alltag bekommt sie aber auch Gegenwind im Ort. Vor allem, weil sie den Finger in die Wunde legt, Probleme mit Neonazis vor Ort anspricht und letztlich einfach keinen Bock hat, dass die Neonazis vom Dritten Weg den Kindern der örtlichen Schule ihre Flyer direkt nach dem Unterricht in die Hand drücken. Es fällt schwer zu glauben, dass „Mädchen aus Greifswald“ vor genau 20 Jahren erschienen ist. Am heutigen Abend sieht man die Lyrics an jeder Ecke.
Was man aber auch an jeder Ecke sieht: Die unterschiedlichsten Menschen aus Spremberg. Alle packen im Jugendclub an, es gibt über die Woche verteilt verschiedenste Angebote, einige erzählen, dass sie selber schon als Jugendliche hier waren. Es gibt immer das eine: die schlimmen Online-Nachrichten, das mulmige Gefühl und die graue Plattenbauästhetik. Und dann gibt es die Realität vor Ort: Menschen, die anpacken, sich grade machen, ihr Zuhause gestalten, Angebote machen und gestalten, statt zu spalten. In der spätsommerlichen Wärme sitzen auch nach Ende des Abends noch viele vorm Jugendclub zusammen und quatschen in den Morgen hinein.
Viel zu spät und viel zu müde falle ich ins Bett. An Schlafen ist leider kaum zu denken, zu sehr schwirren die vielen Eindrücke in meinem Kopf hin und her.
Den Schlaf hole ich am nächsten Morgen auf dem Weg nach Chemnitz nach. Ein Großteil des Weges fühlt sich wie die stundenlange Fahrt in den Tschechien-Urlaub früher an.
Ein kurzer Blick auf Dresden von der Autobahn und es geht ab ins sächsische Hinterland.
Chemnitz wirkt an diesem Tag wie ein kompletter Gegenentwurf zu Spremberg. Dem frühabendlich-grauen Spremberger D.I.Y.-Jugendclub am Stadtrand steht die, in bester Sommer-Sonne erstrahlende, Chemnitzer Innenstadt mit ihrem Vorzeige-Festival gegenüber. Das schiere Ausmaß des Kosmos-Festivals war mir nicht bewusst, die professionelle Orga ist beeindruckend und bietet den nötigen Raum, damit ich meine angespannten Schultern mal wieder kurz hängen lassen kann.
Auf meinem Weg in die Fußgängerzone hilft mir dann aber glücklicherweise ein Einheimischer mit Landser-Shirt dabei, nicht zu vergessen, wo ich hier immer noch bin. Lieb und nett. Ich tiger weiter durch die Innenstadt und bin eher ernüchtert, schlängel mich aber durch die Seitenstraßen und voilà: Stadthalle, Congress Hotel und Karl Marx Monument. Die Kamera läuft heiß und so langsam greift Chemnitz doch auf mich über. Zurück an der Rap-Bühne mustere ich immer mal wieder das Publikum: Viele junge Menschen, Familien, Kids. Viele Polit-Klamotten, cute Freundesgruppen und hunderte Leute, die auch schon 14 Uhr auf einem Samstag richtig gut Stimmung machen. Zwischendrin treffe ich eine Person aus alten Greifswalder Zeiten. Der zügige Aufbruch und die nur kurze Zeit in Chemnitz machen mich fast etwas wehmütig. Wenn Spremberg schon so viele Spuren bei mir hinterlassen hat, wie schön muss dann erst ein Sommerabend in Chemnitz sein? Und sowieso, jetzt geht es nach Halberstadt, wo soll das überhaupt liegen? Wie soll ich nach den schönen Stunden in Karl-Marx-Stadt denn bitte im Harz glücklich werden? Oh boy, little did I know.
Ich erwache pünktlich kurz vor Leipzig mit dem Blick auf den Bergbau-Technik-Park und seinen riesigen Braunkohlebagger. Natürlich sind mir als Flachlandkind von der Küste Windräder und weites Nichts viel lieber als Kohlegruben und Kraftwerke, die das Ausmaß einer Stadt haben. Beeindruckend bleibt es trotzdem. Ein kurzer Blick auf Leipzig und wir sind in Sachsen-Anhalt. Hier sieht es an einigen Ecken noch am ehesten wie Zuhause aus. Auch wegen der vielen Wahlplakate und -Banner. Die letzten Prognosen vor Augen blicke ich in die fast schon leeren Gesichter auf den Wahlwerbungen. Ich frage mich: Wozu treten die denn überhaupt noch an, wenn doch sowieso schon alles gegessen ist? Und beim Blick auf die Landschaften und Orte der Gedanke, wer sich bitte für dieses Fleckchen Erde von Faschos auf die Schnauze hauen lässt? Doch dann fällt mir wieder der Typ ein, der nicht von der Küste wegkommt, obwohl alle seine Freunde schon weg sind, obwohl alle Karriere gemacht haben, obwohl keiner sich für die paar Meter gammligen Boddenstrand von Faschos auf die Schnauze hauen lassen will. Kurz mal selbst wieder geerdet. Die gehässigen Gedanken, die eben noch mit mir durchgegangen sind, schiebe ich auf den mangelnden Schlaf und mache die Augen zu.
An der Autobahnausfahrt nach Halberstadt werde ich wieder wach. Ich kann den Brocken sehen (glaube ich), die Stadt erscheint am Horizont, das Ortseingangsschild zieht vorbei. Langsam tauchen Plattenbauten auf. Doch es geht weiter, langsam wird es dunkler. Wir sind viel zu spät dran. Langsam werden aus breiten Straßen immer engere Gassen, Fachwerkhäuser und Altbauten sorgen für gemütliche Altstadtatmosphäre. Vor einem kleinen Torbogen hält das Auto, davor einige Personen mit skeptischem Blick. Nach dem ersten Austausch wird es sofort herzlich und wir parken in einer Seitenstraße. Die Abendsonne fällt dunkelorange durch die Straße, am Rand mäht jemand den Rasen und lächelt kurz. Ich schaue auf den alten bewachsenen Speicher, in dem jetzt das soziokulturelle Zentrum Zora sein Zuhause hat. Ist das hier wirklich das mit Neonazis verseuchte Halberstadt aus den Spiegel-TV-Beiträgen?
Durch einen Nebeneingang werden wir reingebracht, hinter uns schließen sich die großen, schweren Türen. Drinnen: Ein wildes Durcheinander. An der Bar im Innern des Hauses wird durcheinander gequatscht, Dart-Pfeile fliegen und der Kicker-Tisch knallt. Im Hof: Luisa Neubauer auf einer kleinen Bühne, der große, langgezogene Hof ist rappelvoll. Im Obergeschoss kommen wir für den Moment zur Ruhe. Etwas essen, kurz frisch machen und wieder raus. Ich erkunde den Hof und bin überwältigt: Von ganz jung bis ganz alt tummelt sich hier ein wild gemixter Haufen Menschen. Viele lauschen noch dem Vortrag von Luisa Neubauer, andere holen sich einen Snack oder ´ne Brause, viele stehen am Rand und quatschen. Es wirkt sehr familiär, herzlich, gemütlich. Ein kleiner Garten Eden, ein buntes Paradies, ein Platz zum Durchatmen in dieser engen Altstadt. Die folgende Tombola-Auslosung kommt mir vor wie eine Familienfeier, für einen Moment entspanne ich mich komplett. Halberstadt hat grade seinen ganzen Schrecken verloren.
Der Abend wird immer später, selten habe ich so ein energiegeladenes Publikum gesehen. Kurz kam auch bei mir dieses Gefühl von früher auf. Ein kleiner schwitziger Keller, die Luft dick genug zum Schneiden. Draußen kann gerne die Welt untergehen, aber hier ist jetzt grade unser Moment, Ekstase, Eskapismus pur. Kurz alles vergessen was ist und was war. Fast schon ertappe ich mich bei dem Gedanken, wie schön es in Halberstadt sein muss, wenn hier jedes Wochenende so aussieht: Im Dämmerlicht der Sonne auf dem Hof sitzen, Freunde und Familie treffen, gemeinsam essen und Musik hören bis die Lichterketten angehen und man gemeinsam die Nacht auf sich zukommen lässt.
Langsam ist es fast 23 Uhr und ich sitze an einem Esstisch im Haus. Eine Person, K. die eigentlich aus einem Nachbarort kommt, erzählt von der heutigen Demonstration und dem Aktionstag. Leider kamen nicht so viele Menschen wie erhofft, aber dafür war beim Kinderschminken auf dem Marktplatz stundenlang was los und Anstehen angesagt. Langsam schäme ich mich umso mehr, wie ich noch auf der Hinfahrt in meinen Gedanken gespottet habe. Langsam habe ich eher das Gefühl, dass ich hier eigentlich nicht mehr weg möchte. T. kommt in den Raum und sagt fast beiläufig, dass draußen Faschos stehen, die Stress machen und wohl reinwollen. Ich erwache wie aus einem Traum, schnappe mir fast automatisch meine Tasche und eile zügig auf den Hof. Auf dem Weg nach unten denke ich mir noch, was ich denn da jetzt eigentlich will? Keine Ahnung, Hauptsache die Menschen hier nicht allein lassen. Zu mindestens nicht, solange ich hier bin. Unten angekommen wird mir aber schnell klar, dass hier grad niemand Hilfe braucht. Alle sind entspannt. Wenn ich es nicht wüsste, würde ich gar nicht mitkriegen, was da draußen vor dem Tor grad mutmaßlich passiert. So irritiert ich im ersten Moment bin, so bekannt kommt es mir dann doch vor. Wieder ein Blick zurück in die eigene Jugend. Neonazis als konstante Gefahr, die fast schon zur Routine werden. Machtspielchen auf den Straßen einer Stadt irgendwo im „Osten“. Der Name ist fast egal, denn diese Geschichte kann wohl jede*r erzählen. Egal ob in Halberstadt, Spremberg, Greifswald oder Erfurt.
Während der Veranstaltungsraum, ein alter Gewölbekeller, grade von Sachsentrance entkernt wird, stehe ich draußen etwas verloren umher. Einige Menschen sammeln sich am Shuttle-Treffpunkt und reisen wohl bald gemeinsam ab, andere sind tiefenentspannt und trotzen draußen dem leichten Regen, der mittlerweile eingesetzt hat. Ich gehe wieder nach oben und komme ein letztes Mal mit K. ins Gespräch, die Person aus dem Umland. Sie schildert die Situation der letzten Jahre in Halberstadt, in meinen Gedanken tun sich wieder viele Parallelen zu Greifswald auf: Zuzug und Ausbildung von Neonazis aus Dortmund, gewaltsame Raumnahme und ein nächtliches Katz-und-Maus-Spiel. Was in Greifswald glücklicherweise scheiterte, ist hier noch in vollem Gange. Während sich die Neonazis mit Kampfsporttraining immer weiter radikalisieren und vor den Toren patrouillieren, sitzen im Kulturzentrum alle möglichen Menschen aus der Region zusammen und planen Angebote für Jung und Alt. Man könnte eigentlich nur drüber lachen, wenn es nicht so ernst wäre. Wir verabschieden uns, man wünscht sich gegenseitig Mut und Kraft und der Abend ist vorbei. Ich bin als Erster am Auto, schiele in die Seitenstraßen, die anderen lassen auf sich warten. Doch nichts, nur Stille. Bis auf ein leises Tapsen. Eine Katze kommt angelaufen und freut sich, mich zu sehen. Eine kurze Streicheleinheit und der Abend ist wieder gerettet. Wir steigen ein, fahren los und blicken kurz zurück.
Die Nacht verbringen wir ganz woanders. Die Heimfahrt nach Greifswald am nächsten Tag ist ruhig. Ich sortiere meine Gedanken. Schreibe Stichpunkte für den Text auf, der natürlich wieder viel zu lang geworden ist. Vieles lässt mich aber einfach nicht los. Und während ich wieder zuhause bin, wir hier alle argwöhnisch auf die anstehende Landtagswahl und die gesamtgesellschaftliche Lage schauen, denke ich jetzt aber auch immer wieder an die Menschen in Spremberg, Chemnitz und Halberstadt. An die schönen Orte, besonderen Momente und an die Menschen, die so wie ich, einfach nur ihr Zuhause weiter Zuhause nennen wollen, auch wenn es in dem Fall eben Lausitz, Erzgebirge und Harz heißt.
Mein Zuhause ist MV. Ich hoffe, dass es das auch bleiben kann, unabhängig von irgendeiner Wahl und den politischen Kräften im Land. Und genau das wünsche ich auch allen Menschen in Brandenburg, Sachsen und eben Sachsen-Anhalt, die der gestrige Wahlabend hart getroffen hat.
Ihr seid hoffentlich niemals alleine und passt aufeinander auf!