MV zusammenhalten

MV wählt und die gesellschaftlichen Brüche im Land sind unübersehbar. Wie es danach politisch weitergeht, das haben die Politiker*innen und Parteien in der Hand. Aber was können wir machen?

MV zusammenhalten.

Zusammenhalt. Zusammenhalt definiert jede*r anders. Aber mir geht es um einen Zusammenhalt, der alle Menschen mit einschließt. Warum ich das so explizit benenne? Weil die Debatten, welche sich rund um den Wahlkampf gebildet haben, teilweise absurde Züge angenommen haben.
Wenn ein Altpunker für seine neue Buchpromotion in der abendlichen Talkshow erzählt, wie geil man mit der AfD im eigenen Dorf abkumpeln kann, ist das sicher praktisch für die eigene Kasse, aber ganz sicher keine gesamtgesellschaftliche Lösung. Natürlich ist es entspannter, sich auf seine alten Tage als geläuterter und unpolitischer Ost-Erklärer zu vermarkten, der doch nur ein bisschen Verständnis für seine Landsleute erbittet. Dass man aber mit derlei inhaltlichen Verkürzungen letztlich ironischerweise nur jenes Klischee reproduziert, “im Osten sind halt alle rechts” (und damit muss man eben leben), zeigt, wie wenig es hierbei um eine Lösung irgendwelcher Probleme geht. ”Eigentlich müssen doch alle nur mal miteinander quatschen und sich liebhaben” als Lösung für eine politische Verschiebung großer Teile der Gesellschaft nach rechts. Die eigene Bequemlichkeit, die man sonst immer den bösen Großstädtern in ihren Szenekiezen vorwirft, ist dabei natürlich kein Thema. Nicht mal simple, sondern gar keine Antworten auf komplexe Probleme, verkauft als vermeintlich frecher Taschenratgeber aus der Provinz.

Warum? Weil weiße hetero Typen, mich eingeschlossen, es in MV noch am einfachsten haben, über bestimmte Dinge hinwegzusehen. Dann führt die Sorge um das eigene Zuhause schnell zu Assimilation, statt Auseinandersetzung.
Weil man es sich leisten kann. Man ist eben nicht als Erster von rechter Politik betroffen und weiß das auch.

Aber wie muss es nach der Wahl Menschen gehen, die … 

.. nach MV zugezogen sind, egal ob aus der Slowakei oder Sierra Leone?
.. politisch aktiv sind, egal ob im Stadtparlament oder auf der Straße?
.. allein wegen ihrer Hautfarbe im Alltag Probleme bekommen?
.. die schon heute keine fairen Bildungs- und Aufstiegschancen haben?
.. in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben?
.. eine Behinderung haben?
.. chronisch krank sind?

Nur eine kleine, nicht repräsentative Auswahl, die aber zeigen soll, dass nicht Politiker*innen die „Abrechnung auf dem Wahlzettel“ zu spüren bekommen. Sondern die eben genannten Menschen. Unsere Freund*innen, Bekannten, Nachbarn, Arbeitskolleg*innen und viele Menschen, die wir nicht einmal kennen, die uns aber auch nie etwas getan haben. Sie werden abgeschoben. Sie werden endgültig als Feindbild markiert. Sie verlieren ihren Job. Ihre Kinder müssen auf andere Schulen. Sie ziehen weg, weil sie Angst um sich und ihre Familien haben. Ihre Gesundheitsversorgung ist dann unzureichend oder sie gelten am Ende als Menschen zweiter Klasse.

Ich kann jede Frustration über die politische Lage und die aktuellen Herausforderungen, die wir alle im Alltag meistern müssen, nachvollziehen. Nur die Reaktion darauf nicht. Erst recht, wenn man einfach nur nach unten treten möchte. Denn:

Sie haben Angst um “ihr Land”, wählen aber eine Partei, welche den menschengemachten Klimawandel leugnet. Einen Klimawandel, dessen Folgen wir bereits jetzt auf unseren Ackerflächen, an unseren Küsten und in unseren Städten hautnah zu spüren bekommen.

Sie monieren, dass „keine Partei Angebote macht“, während fast 20 Parteien mit
hunderten Seiten Wahlprogramm angetreten sind.

Sie sind wütend, weil es im Krankenhaus zu wenig Termine und auf dem Land keine Praxen gibt, wählen aber eine Partei, welche die Fachkräfte, die in den überlasteten Krankenhäusern schuften, abschieben will.

Sie fordern moderne Schulen und bessere Bildung, wählen aber eine Partei, welche die Bildungschancen für die breite Masse massiv verschlechtert und bestimmte Kinder vom allgemeinen Unterricht ausschließen will.

Sie beklagen schlechte Löhne und eine schwache Wirtschaft, wählen aber eine Partei, welche weder am Tariftreue- und Vergabegesetz noch bspw. an der Windkraft als Wachstumsbranche festhalten will und den Zuzug dringend notwendiger Fachkräfte unterbinden will.

Sie betonen, dass „jeder wählen darf, was er will & das muss man akzeptieren“, während sie andere Parteien und Politiker zu ihren persönlichen Feindbildern machen, sie zu “Volksverrätern” erklären und keinerlei Kritik akzeptieren.

Wer solche Wahlentscheidungen trifft, hat das gute Recht dazu. Wer solche Wahlentscheidungen trifft, trifft sie als erwachsener und mündiger Bürger. Dieser Bürger braucht aber weder Verständnis noch Mitleid für seine Wahlentscheidung. Vielmehr sollten sie in der Lage sein, mit dem Hinweis auf die Verantwortlichkeit für das eigene Handeln umgehen zu können. Wer so eine Wahlentscheidung trifft, tut das bewusst für sich. Man trifft diese Wahlentscheidung aber auch bewusst gegen die vielen Menschen, die unter einer derartigen Politik zuallererst zu leiden hätten. 

Ich habe keinen Bock, darüber hinwegzusehen, dass Menschen eine Partei wählen, deren Politik eindeutige & für alle ersichtliche Konsequenzen haben kann. Ich habe keinen Bock, mit diesen Leuten auf ´nem Dorffest zu feiern oder beim Fußball zu hocken. Ich habe auch keinen Bock Verständnis oder Mitgefühl für diese Wahlentscheidung aufzubringen. Auseinandersetzung und das kritische Gespräch? Absolut! Aufklärung über die AfD-Inhalte? Ja!
Aber Solidarität und Mitgefühl haben diejenigen verdient, die Angst vor dem Wahltag und dessen Ausgang haben. 
Die Normalisierung rechter Politik & das Verhätscheln ihrer Wähler*innen wird kein einziges Problem gesamtgesellschaftlich oder in MV lösen.

Dazu kommt, wer die absehbaren Folgen rechter Politik durch stumpfen MV-Kitsch oder irgendwelche bierseligen Heimaterzählungen verharmlost oder sogar beiseite wischt, ganz im Sinne von “Bei uns ist es doch eigentlich soo schön”, macht sich mindestens mitschuldig am Status quo. Ich bin auch aus gutem Grund noch hier, finde Jahr für Jahr immer neue wunderschöne Orte und treffe viele engagierte Menschen. Auch ich verkaufe Greifswald, Vorpommern und MV als wunderschönes Fleckchen Erde. Aber ich habe gleichzeitig nie geleugnet, wie schlimm die Geschichten sind, die man im Alltag mitbekommt: Egal ob Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Gewalt, Bedrohung oder Einschüchterung – Das sind keine Geschichten der “Baseballschlägerjahre”, sondern oftmals weiterhin die Realität und damit auch eine Form von Normalität. Trendbegriffe wie “Ambiguitätstoleranz” passen hier vielleicht als Beschreibung, aber am Ende sollte allen einfach klar sein: Es kann dein geliebtes Zuhause sein und gerade deshalb sollte man vor Problemen nicht die Augen verschließen und Dinge beschönigen. 

MV ist am Ende eben beides, manchmal wunderschön und manchmal richtig scheiße.
Genau darum braucht MV jetzt umso mehr echten Zusammenhalt. Viele individuelle Probleme brauchen viele individuelle Lösungen. Das ist selbstverständlich die Aufgabe der Politik, hinzuhören und Dinge möglich zu machen. Da darf und soll man mehr als einmal die Parteien in die Pflicht nehmen. Letztlich ist es aber eben nicht nur „die Politik“, sondern auch das eigene Handeln (oder Nichthandeln), was den Unterschied ausmachen kann.
Ich bin davon überzeugt, dass jede*r von uns weiß, was MV jetzt helfen kann. Sei es in der Nachbarschaft, im Chor, in der Community, im Fußballverein, im Kiez, in der Platte – egal wo. Wir leben zwar in Filterblasen, bestreiten unseren Alltag aber alle gemeinsam. Bleiben wir vernetzt, passen wir aufeinander auf und lassen wir uns, frei nach Adorno, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht dumm machen.